#93 Zensur
Gefangen zwischen Zensur und „Sex Sells“: Die Herausforderungen sexpositiver Inhalte in sozialen Medien
In einer Welt, in der Sexualität allgegenwärtig ist – von der Parfümwerbung bis hin zur Super Bowl Halftime Show –, sollte man meinen, dass ein offener und ehrlicher Austausch über dieses Thema kein Problem darstellt. Doch die Realität für Content Creator im sexpositiven Bereich sieht anders aus. In der neuesten Folge des Lustreise-Podcasts sprechen Kay und Ben über den täglichen Spagat zwischen Reichweite, Zensur und der Willkür großer Tech-Konzerne.
Das Paradoxon der Reichweite: Warum Begriffe wie „Sex“ bestraft werden
Wer heute auf Plattformen wie Instagram, Facebook oder Threads unterwegs ist, stolpert oft über Begriffe wie „seggs“, „Ramba Zamba“ oder „wuhuu“. Diese kreativen Umschreibungen sind kein Zufall, sondern eine Reaktion auf die Algorithmen der sozialen Netzwerke. Kay und Ben berichten von ihrer Erfahrung, dass Beiträge, in denen das Wort „Sex“ korrekt ausgeschrieben wird, oft deutlich weniger Reichweite erzielen oder sogar gelöscht werden [01:07].
Diese Form der „sanften Zensur“ betrifft vor allem Bildungs- und Erfahrungsberichte. Während Mainstream-Werbung oft mit starken sexuellen Reizen spielt, um Produkte zu verkaufen (Stichwort: Philips „Flotter Dryer“ Kampagne), werden organische, authentische Inhalte zum Thema Sexualität oft unterdrückt [06:20].
Die Macht der amerikanischen Guidelines
Ein Hauptproblem liegt in der Herkunft der großen Plattformen. Da Netzwerke wie Meta (Facebook, Instagram) und Google (YouTube) in den USA ansässig sind, unterliegen sie oft puritanisch geprägten Wertvorstellungen. Ein bekanntes Beispiel für diese Doppelmoral ist die digitale Bearbeitung von Filmen, um Kleidung nachträglich zu verlängern, während gleichzeitig die größte Sexindustrie der Welt in den USA floriert [02:48].
Diese Inkonsistenz zeigt sich auch im Alltag der Creator: Ein Bild eines Mannes mit freiem Oberkörper ist unproblematisch, während das Zeigen eines weiblichen Nippels zur sofortigen Sperrung des Accounts führen kann – es sei denn, ein kleiner Teil des Bildes wird unkenntlich gemacht [13:40].
Schattenseiten und Sicherheitsrisiken
Die Willkür der Plattformen geht oft so weit, dass etablierte Accounts ohne Vorwarnung gesperrt werden. Ein prominentes Beispiel aus der Szene ist der Podcast „Ehemal Sex“, dessen Betreiberin erst durch den Kauf eines kostenpflichtigen Verifizierungs-Abzeichens („Verified Badge“) wieder Zugang zu einem priorisierten Support und ihrem Account erhielt [20:17].
Besonders frustrierend ist, dass dieselben Plattformen, die gegen valide sexpositive Inhalte vorgehen, oft massive Probleme mit Pornbots, Fake-Followern und Spam-Kommentaren haben, die trotz zahlreicher Meldungen bestehen bleiben [23:12].
Die Bedeutung von Sex Education im digitalen Zeitalter
Kay betont, wie wichtig soziale Medien als Tool für die sexuelle Weiterbildung sein könnten. Viele Menschen wachsen ohne adäquate Anlaufstellen für Fragen zu ihrem Körper oder ihrer Sexualität auf. Weder die Schule noch das familiäre Umfeld bieten oft den Raum für einen schambefreiten Austausch [17:10].
Anstatt Mythen und falsche Körperbilder durch Zensur zu fördern, sollte Bildung im Vordergrund stehen. Ein positiver Gegenentwurf findet sich laut Ben im Joyclub, wo hochwertige Videokurse zu verschiedenen Themen der Sexualität angeboten werden – ein Content, der für junge Menschen in der Phase ihrer sexuellen Identitätsfindung wertvoll wäre, aber aufgrund der Altersbeschränkung oft erst spät zugänglich ist [24:47].
Fazit: Diversifizierung als Schutzschild
Für alle, die im sexpositiven Bereich aktiv sind oder sich dafür interessieren, haben Kay und Ben einen klaren Rat: Verlasst euch nie auf nur eine Plattform. Diversifizierung ist der einzige Schutz gegen die plötzliche Löschung eines Accounts. Zudem ermutigen sie ihre Hörer, sich nicht von gesellschaftlichen Normen oder Algorithmen einengen zu lassen. „Your Body, Your Rules“ gilt auch in der digitalen Welt.
Hattest du schon einmal Probleme mit gesperrten Inhalten oder kennst jemanden, dessen Account aufgrund sexpositiver Themen gelöscht wurde? Schreib uns deine Geschichte – wir freuen uns auf den Austausch!
Die komplette Folge zum Nachhören: YouTube Link